Jedes Jahr zum Wintersemester treffen die
frischgebackenen Studenten und Studentinnen der Humanbiologie,
liebevoll "Hubis" genannt, in Marburg ein: Sie sind am Ziel ihrer Suche
nach einem Studium, das sich vor allem mit der Biologie des Menschen
beschäftigt und medizinische Inhalte vermittelt, jedoch
stärker naturwissenschaftlich ausgerichtet ist als das
Medizinstudium.
Den Studiengang Humanbiologie bietet die Medizinische Fakultät
der Philipps-Universität Marburg seit Ende der sechziger Jahre
an. Wie jedoch kam es dazu, und wie hat sich das Fach seitdem
entwickelt?
Schon am 14.Mai 1966 hatte der Wissenschaftsrat, ein Gremium,
das die Bundesregierung in ihren Entscheidungen zu Bildung und
Wissenschaft berät, in seinen "Empfehlungen zur Neuordnung des
Studiums an den wissenschaftlichen Hochschulen" gefordert,
Studienmöglichkeiten im Bereich der theoretischen Medizin zu
schaffen: Ein Grund hier für war der Mangel an Doktoranden und
wissenschaftlichen Mitarbeitern in medizinischen Fächer wie
der Anatomie, Biochemie und Physiologie, da die in Richtung Klinik
ausgebildeten Medizinstudenten selten die wissenschaftliche Laufbahn
einschlagen.
Aufgrund dieser Überlegung setzten sich Ende der 60er Jahre in
Marburg drei Professoren der Medizinischen Fakultät in Marburg
zusammen, die schon vorher eng zusammengearbeitet hatten: Der
Physiologe Professor Herbert Hensel, der Pharmakologe Professor Walter
Schmid und der Biochemiker Professor Peter Karlson. Gemeinsam
organisierten sie die Einrichtung des Studienfaches Humanbiologie:
Nachdem die Medizinische Fakultät ihre Promotionsordnung
ergänzt hatte, wurde im Februar 1969 zunächst ein
dreijähriger Ergänzungsstudiengang nach Art der
amerikanischen post-graduate education eingeführt: Ziel war
es, Absolventen der Physik, Chemie, Biologie und anderer
Studiengänge wie der Mathematik, Informatik, Pharmazie und
Ökotrophologie in einem Crashkurs medizinisches Grundwissen zu
vermitteln, während sie in einem der medizinischen
Fächer promovierten.
Damals gab es auch Pläne für ein Vollstudium der
Humanbiologie, das auf einem Vordiplom in einem anderen
naturwissenschaftlichen Fach aufbaut und mit dem Dr. rer. physiol.
abschließt. Hieraus entstand im April 1973 eine
Prüfungsordnung. Diese Form des Humanbiologie-Studiums bestand
von 1974 bis 1979, dann jedoch mußte sie, teils aus
fachlichen, teils aus juristischen Gründen, aufgegeben werden.
Die Idee, das Fach zu erweitern, wurde jedoch weiterverfolgt und
-entwickelt:
In Zusammenarbeit und langen Diskussionen mit Vertretern der
beteiligten naturwissenschaftlichen Fächer wurde nun der
grundständige Studiengang Humanbiologie aufgebaut: Mit dem
Ziel, den eigenen wissenschaftlichen Nachwuchs auszubilden und von
vornherein das notwendige medizinische und naturwissenschaftliche
Wissen zu vermitteln, sollten Studenten vom ersten Semester an in einen
achtsemestrigen Studiengang aufgenommen werden.
Nachdem im Dezember 1978 die Diplomprüfungsordnung in Kraft
trat, nahmen zum Wintersemester 1979/80 die ersten Studenten und
Studentinnen ihr Studium auf. Einer von ihnen begleitet heute die Hubis
durch ihre ersten Semester im Marburg: PD Hans-Peter Elsässer
gehörte mit zu der kleinen Gruppe, die damals den Sprung ins
kalte Wasser wagte.
Das Grundstudium ähnelte dem Medizinstudium bis zum Physikum,
allerdings lag eine stärkere Betonung auf den
naturwissenschaftlichen Fächern, vor allem in den Praktika
für Physik und Chemie, während insbesondere die
Anatomie der Extremitäten nur verkürzt behandelt
wurde. Weitere Fächer waren die Zoologie und Mathematik im
ersten Semester, Histologie in der ersten beiden Semestern sowie
Physiologie und Biochemie. Auf dieses stark verschulte Grundstudium
folgte bisher das sehr freie, wenig strukturierte Hauptstudium: Die
Studenten wählten ein Hauptfach und zwei Nebenfächer,
wobei der Schwerpunkt der Ausbildung in der experimentellen Ausbildung
im Hauptfach lag, in dem in der Regel auch die Diplomarbeit geschrieben
wurde. Zur Wahl standen die Morphologie (Anatomie), aus der sich
später auch die Zellbiologie entwickelte, Physiologie,
Physiologische Chemie (Biochemie), Medizinische Mikrobiologie,
Immunologie, Pharmakologie und Toxikologie,. In den nächsten
Jahren folgten Virologie, Humangenetik und Molekularbiologie.
Molekularbiologie und Biochemie entwickelten sich bis Mitte der 90er
Jahre zu den beliebtesten Fächern. Die Fächer
Pharmakologie und Toxikologie sowie die Physiologie hingegen
verzeichneten einen Rückgang an Hauptfach-Studierenden.
Seit Beginn der 90er Jahre arbeitete der Fachbereich Humanmedizin nun an einer Neuordnung des Diplom-Studienganges Humanbiologie, basierend auf den Erfahrungen des ersten Jahrzehnts, in dem sich der Studiengang unter intensiver Beteiligung der Studierenden weiterentwickelt hatte: Während bisher die Studenten insbesondere im Grundstudium viele Veranstaltungen zusammen mit Medizinern oder Biologen besuchten, sollten nun eigenständige Vorlesungen, Seminare und Praktika für die Studierenden der Humanbiologie angeboten werden. In den Grundpraktika "Humanbiologie", theoretisch begleitet von der Ringvorlesung "Humanbiologie", sollten die Fächer Biochemie, Physiologie und Zellbiologie, sowie die Grundlagen aus Molekularbiologie, Virologie, Neurobiologie etc. zusammengefasst und in ihren Inhalten aufeinander und auf die Bedürfnisse der Humanbiologie-Studenten abgestimmt werden. Das bisher sehr freie, und stark spezialisierte Hauptstudium sollte nun interdisziplinärer gestaltet werden, die Hauptfächer nicht mehr nach Instituten, sondern Fachgebieten organisiert werden. Durch diese Neuordnung sollten die Studenten nicht nur eine breitere Ausbildung erlangen, sondern auch die weniger stark frequentierten Fächer gestärkt werden.
Nach über zehn Jahren Planung und Weiterentwicklung
dieser Ideen wurde zum Wintersemester 2000/2001 die neue Studienordnung
eingeführt. Zeitgleich wurde die Zahl der
Studienanfänger von 40 auf 60 Erstsemester aufgestockt.
Die vier Hauptfächer wurden gemeinsam von mehreren Instituten
unterrichtet. Zur Auswahl standen dabei Molekulare Biologie und
Humangenetik (inkl. Tumor- und Entwicklungsbiologie), Biochemie und
Zellbiologie (Zellphysiologie und Strukturbiologie inbegriffen),
Infektionsbiologie (beinhaltet die Fächer Virologie,
Mikrobiologie und Immunologie) und Neurobiologie, welche die
Fächer Molekulare und zelluläre Neurowissenschaften,
Pharmakologie und Signalverarbeitung umfasst.
Welchen Schwerpunkt er in seinem Studium setzte, bestimmte der Student
nach wie vor selbst, im Hauptfach insbesondere durch die Wahl der vier
Hauptfachpraktika, die er aus einem Katalog von voraussichtlich 8 bis
10 Blockpraktika wählte.
Die zwei Nebenfächer in der Diplomprüfung wurden
aufgrund der Stoff-Fülle im Hauptfach auf eins reduziert. Die
Nebenfachpraktika wurden durch die zwei Grundpraktika im
fünften und sechsten Semester ersetzt, in denen jeder Student
alle vier Hauptfächer kennenlernte. Damit wurde zum einen eine
umfassendere Ausbildung und bessere Vorbereitung auf die Labor-Arbeit
im Hauptfach geleistet, zum anderen auch eine Entscheidungshilfe
für die Wahl des Haupt- und Nebenfaches gegeben. Das Nebenfach
umfasste die bisherigen Hauptfächer sowie die Biometrie und
die Medizinische Informatik.
Aufgrund des EU-Beschlusses alle Studiengänge in der
europäischen Gemeinschaft zu modularisieren und der daraus
folgenden Änderung der Gesetzgebung des Landes Hessen, wurde
nun zum WS des Jahres 2007 auch der Diplomstudiengang Humanbiologie auf
ein modularisiertes Studienkonzept umgestellt. Man entschied sich
dafür die Humanbiologie für ein
Bachelor/Master-Prinzip umzugestalten. Dies war ein
äußerst komplexer Prozess, so dass kurzfristig sogar
Diskussionen über die Finanzierbarkeit und logistische
Machbarkeit eines so aufwändigen, modularisierten
Humanbiologiestudiums aufflammten.
Die erfolgreiche Umsetzung und Weiterführung des neuen
Humanbiologiestudienganges verdanken wir vor allem dem verantwortlichen
Leiter der Bachelor/Master-Kommission Prof. Klaus-Heinrich
Röhm. Er hat sich in der heißen Phase der Umstellung
intensiv und mit größtem Ergeiz um die Humanbiologie
im Allgemeinen und viele Detaillösungen gekümmert und
zusammen mit den vielen anderen Mitgliedern der
Bachelor/Master-Kommission das aktuelle Studienkonzept mit auf den Weg
gebracht. Um den Studiengang einem internationalerem Publikum zu
öffnen, einigte man sich auf den Namen "bachelor of biomedical
science". Auch der kommende Masterstudiengang wird von ihm und seiner
Kommission zur Zeit noch erarbeitet. .
Unsere studentischen Erfahrungen und Wünsche konnten wir als
Fachschaft in den neuen Bachelorstudiengang z.T. miteinbringen und
Studenten vieler Semester haben mit viel Herzblut debattiert,
diskutiert und Vorschläge eingereicht. Leider ist nun aber
dennoch der Zeitpunkt gekommen wo wir als alte Diplomstudenten mit ein
bisschen Wehmut Abschied nehmen müssen, von
Lehrveranstaltungen, die uns sehr ans Herz gewachsen sind. Gleichzeitig
sehen wir viele interessante Module auf die jungen Hubis zu kommen.
So blicken wir als Fachschaft mit einem lachenden und weinenden Auge in
die Zukunft und freuen uns zugleich mit großer Zuversicht die
neuen Aufgaben, die auf uns zukommen gemeinsam meistern zu
können. Die Humanbiologie ist tot, es lebe die Humanbiologie!
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